Steuer

Zu jeder Zeit kannte das Mittelalter Abgaben, die unter der Bezeichnung „stiura" (lat. exactio) die Untertanen, Hintersassen, Grundholden, Vogtei- und Eigenleute dem Inhaber der Herrschaft leisten mussten. In keinem Fall aber darf diese überwiegend in Geld zu leistende „Steuer" mit dem modernen Steuerbegriff gleichgesetzt werden. Die mittelalterliche Steuer ist vielmehr aus einer besonderen Leistung der Abhängigen an ihre Herren erwachsen, die zur Abwendung einer außerordentlichen Notlage von der Herrschaft erbeten wurde. Daher kommt auch der mittelalterliche Ausdruck „Bede" (Bitte) für diese Abgabenart. Eine solche Bitte konnten die Abhängigen jedoch nicht nach Belieben abschlagen; sie waren vielmehr aus dem allgemeinen Dienst- und Treueverhältnis, welches dem vom Herrn gewährten Schutz entsprach, verpflichtet, dem Ersuchen zu folgen, wenn der Grund für die Zahlungsaufforderung hinreichend war. Gründe waren Kriegsgefahr oder die Notwendigkeit, das Lösegeld für einen in Gefangenschaft geratenen Herrn aufzubringen oder die Kosten für ein aufwendiges Leichenbegängnis, für die Wehrhaftmachung eines fürstlichen Sohnes oder die Aussteuer einer fürstlichen Tochter „zusammenzusteuern".

Den Aufwand für die Herrschaftsausübung hatten die Herren grundsätzlich aus ihrem eigenen Besitz, dem Patrimonium, zu tragen. Einen wichtigen Teil davon bildeten die Abgaben der Abhängigen aus dem jeweiligen Abhängigkeitsverhältnis heraus. Steuern im eigentlichen Sinn waren diese Leistungen nicht. Besondere Anforderungen an die fürstlichen Kassen ergaben sich seit dem 13. Jh. bei der Entwicklung der Territorien. Die neue Amts- und Gerichtsorganisation, die den Landfrieden sichern sollte, konnte von den Fürsten nicht allein finanziert werden; auch die Adelsgrundholden mussten zu diesem neuen staatlichen Aufwand beitragen. Dies konnte aber nur mit Zustimmung der Grundherren geschehen. In den größeren Territorien traten daher die Landstände als Verhandlungspartner den Fürsten gegenüber, um über die Rechtmäßigkeit der Steuerforderung, über deren Festsetzung und die Einhebung zu befinden. Auf dieser Grundlage entstand im Spätmittelalter die Landsteuer als Beitrag des Landes zum staatlichen Aufwand des Fürsten. Vielfach gewannen die Landstände großen Einfluss auf die Verwaltung dieser Steuer, die die Adelshintersassen den ständischen Steuereinnehmern, die fürstlichen Hintersassen der fürstlichen Kameralverwaltung zahlen mussten. Bis zum Ende des Mittelalters kam der überwiegende Teil der Einnahmen der Reichsfürsten aus ihrem Kammervermögen, aufgebracht von den fürstlichen Hintersassen, und aus den Regalien. Die Steuern bildeten dazu nur eine „Beisteuer". Grundsätzlich konnten auch adelige und geistliche Grundherren ihre Hintersassen besteuern, wenn außerordentliche Notlagen eine besondere Leistung begründeten.

Besondere Bedeutung hat die Stadtsteuer, die aufgrund der Stadtherrschaft König und Fürsten von den seit dem 12. Jh. entstehenden und aufblühenden Städten erhoben. Diese Beträge hatten die Bürgergemeinden insgesamt zu zahlen. Die städtische Obrigkeit, der Rat, zog die Bürger und Beisassen (städtische Bewohner ohne volles Bürgerrecht) je nach Vermögen zu diesen Leistungen heran. Diese Umlageforderung lässt die mittelalterliche Stadtsteuer als eine allgemeine, die Stadtbewohner gleichheitlich treffende Abgabe erscheinen. Neben diesen direkten Steuern wurden seit dem 13. Jh. auch indirekte Abgaben, das sogenannte Ungeld, als Aufschlag auf Getränke und Lebensmittel erhoben. Häufig waren die daraus fließenden Einnahmen den Städten zur Finanzierung des Mauerbaues zugewiesen.

Die dem Schutz des Königs oder der Fürsten unterstehenden Juden hatten als Einzelpersonen oder auch korporativ über die Judengemeinden die Judensteuer zu zahlen.

Die Stadtsteuer von den Reichsstädten und die Judensteuer, soweit die Juden nicht dem landesfürstlichen Judenschutz unterstanden, bildeten im Spätmittelalter die wichtigsten Einnahmen, die der König von Reichs wegen erheben konnte. Andere Steuerforderungen des Königs waren schwer durchzusetzen; sie bedurften der Zustimmung des Reichstags und waren schwer einzuziehen, selbst wenn ein zustimmender Beschluss des Reichstags vorlag. Angesichts der Bedrohungen von außen, die die Angriffe der Hussiten oder der Türken im 15. Jh. brachten, nahmen die königlichen Steuerforderungen zu. Ein gut funktionierendes System einer Reichssteuer konnten die Könige jedoch nicht aufbauen. Auch der auf dem Reichstag von 1495 in Worms beschlossene „Gemeine Pfennig" der Reichsstände brachte keinen grundsätzlichen Wandel.

Als wichtiger Gesichtspunkt des mittelalterlichen Steuerwesens ist noch festzuhalten, dass es dem Adel und der höheren Geistlichkeit gelang, für ihren persönlichen Besitz und die in Eigenregie bewirtschafteten Güter die Befreiung von der Steuerleistung durchzusetzen. Die mittelalterlichen Steuern hatten in erster Linie die abhängigen Bauern und die städtischen Bürger und Beisassen aufzubringen.