Reise ins Mittelalter

In vielen Städten Deutschlands ist es bereits vorgekommen, daß ahnungslose Passanten des zwanzigsten Jahrhunderts beim Durchschreiten eines alten Torbogens verblüfft waren: Hinter einem kleinen Kassenpult halten sich Gestalten im groben Leinenwams auf und kassieren Taler oder Silberlinge. Daneben sitzt einer mit einem Holzschwert, dessen Länge diejenigen Kinder bezeichnet, welche das Gaudium kostenlos besichtigen dürfen. Hat man diese Einlaß- und Transformationsstelle passiert, betritt man einen Platz, auf dem sich ein Marktgetümmel breitgemacht hat, wie man es seit Luthers Zeiten nicht mehr gesehen hat: Die "Kramer Zunft und Kurtzweyl", Arbeitsgemeinschaft zur Erhaltung und Belebung mittelalterlicher Kultur, ist in der Stadt und hat ein möglichst authentisches Markttreiben auf die Beine gestellt. Daß dabei augenscheinlich sehr weitgehende Kompromisse eingegangen werden, trägt gleichwohl zur Lebendigkeit des Spektakels bei.

"Merket auf und gebet acht!" heißt es in der Selbstdarstellung des zeitgemäß anachronistischen Vereins: "Vernehmet die Kunde vom Wirken unserer Kumpaney! Es sei auch in diesem Jahre Markt gehalten, wie es Brauch war vor mehr denn fünfhundert Jahren. Mehr denn zehn Dutzend Handwerksmeister, weitgereiste Kaufleut, Musici und leider auch manch Gaukler und Narren werdet Ihr dort finden. So seid gespannt, Ihr tugendreichen Frouwen und edlen Recken, welch Schauspiel die Kumpaney Euch zu zeigen hat. Streifet ab all eure Hast und unstet Raserei und lasset Euch entführen in eine fast vergessen Zeit." Schon in diesem kurzen Text wird überdeutlich, daß es den Kramern und Gauklern nicht an peniblen Authentizismen gelegen ist – sonst hätte man nämlich zumindest das mittelhochdeutsche Wort "Frouwen" nicht in die Nähe des modern geschriebenen "seid" gestellt. Doch darauf kommt es überhaupt nicht an, und zwar aus mindestens zwei Gründen. Einmal ist es ja so, daß die Mehrheit der Bevölkerung derlei Genauigkeiten kaum anstellt.

 

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