Erfurter Latrinensturz

von Xaver Frühbeis

Wer sich alte Burgen und Schlösser ansieht, staunt meistens über die prächtigen Bauten, die herrlichen Ausblicke, die wunderschönen Landschaften ringsherum. Wer sich dann allerdings vergegenwärtigt, wie die Fürsten in diesen Anwesen gelebt haben, stellt meistens fest, dass heute das gemeine Volk in mancher Hinsicht fürstlicher lebt als die Fürsten von einst. Vor allem die hygienischen Verhältnisse waren aus unserer Sicht oft eine Zumutung. So tagte vor 820 Jahren, am 26. Juli des Jahres 1184, eine Konferenz von Fürsten in der erzbischöflichen Burg in Erfurt in einem Raum, unter dem sich eine große Fäkalgrube befand. Und das hatte furchtbare Folgen.

Cacator cave malum! Aut si contempseris, habeas Jovem iratum!

Mit diesem Spruch warben einst im alten Rom die Betreiber

öffentlicher Toiletten um Kundschaft. Auf deutsch heißt das:

Notdürftiger, meide das Falsche! Andernfalls wird Jupiters Zorn dich treffen!

Falsch verhielt sich in den Augen der Toilettenpächter, wer sein Geschäft, wie es allgemein üblich war, einfach so am Straßenrand verrichtete. Doch wer sich keinen Toilettenbesuch leisten konnte oder wollte, der machte das auch weiterhin so. Das einfach Auf-die-Straße-kacken war aber nicht nur im alten Rom verbreitet. Bei der Besichtigung mitteleuropäischer Burgen fällt uns zuweilen außerhalb der Burgmauern ein kleines Erkerlein ins Auge, angebracht in luftiger Höhe wie ein Schwalbennest. Hier fiel, was der Mensch loswerden wollte, durch ein Loch im Boden des Abtritts einfach an der Außenwand entlang nach unten in die Landschaft, auf dass es nicht das Burginnere verpestete. Jahrhunderte lang bemühten sich die Magistrate europäischer, auch deutscher Städte, dem Dreck in ihren Straßen Einhalt zu gebieten. Anno 1370 München:

Wer Unflat und Kot vor seine Tür oder auf die Straße schüttet, es geschehe bei Tag oder bei Nacht, der zahlt dem Richter 24 Pfennige, der Stadt 1 Pfund und dem Schergen 8 Pfennige.

Doch alles Reden und Verordnen war vergebens. Die Bewohner der Städte waren nicht dazu zu bewegen, anderswo zu defäkieren. Eine gewisse Verbesserung brachte die Erfindung unterirdischer Abtrittgruben: Ein Loch im Boden, darunter eine geräumige Grube, die mit Balken abgedeckt war und sich im Laufe der Zeit füllte. Dreck und Geruch blieben so im Hause des Verursachers.

Am 26. Juli des Jahres 1184 versammelten sich auf der erzbischöflichen Burg zu Erfurt, andere sagen, es sei in der Domprobstei des Marienstiftes gewesen, eine stattliche Anzahl Bürger der Stadt sowie gräfliche Herren, Fürsten, Bischöfe und Erzbischöfe, an ihrer Spitze Heinrich, König der Deutschen und zweiter Sohn Kaiser Friedrichs I. Barbarossa. Sie alle waren zusammengekommen, um einen Streit zu schlichten, der sich zwischen dem Mainzer Erzbischof und dem Landgraf Ludewig von Thüringen aufgetan hatte. Die edlen Herren tagten im zweiten Stock des Gebäudes, und dort traf es sich, dass die Bodenbalken alt waren und morsch und das Gewicht so vieler großer Männer nicht mehr zu tragen vermochten. Mit einem Mal tat sich der Boden auf unter den Füßen der Tagenden, die stürzten eine Etage tiefer, wo die Bodenbalken ebenfalls nicht mehr die besten waren und der Wucht der fallenden Männer nachgaben, "und alle", schreibt Herr Pastor Leitzmann zu Tunzenhausen, der dies Geschehen vor Jahren erforscht hat,

alle, die nicht in den Gitterfenstern saßen, stürzten zwei Stockwerke weit in die Tiefe, viele von ihnen wurden beschädigt, einige verloren sogar das Leben. Mehrere fielen in ein heimliches Gemach, von denen ein Theil kaum mit groer Mühe herausgezogen werden konnte, die anderen erstickten in dem scheußlichsten Unflate, andere wurden von den herabstürzenden Balken erschlagen.

In dem "heimlichen Gemach" ums Leben gekommen sind die Edlen Heinrich von Schwarzburg, wegen dem der erzbischöfliche Zwist seinen Anfang genommen hatte, sodann Friedrich von Abenberg, der Burggraf Friedrich von Kirchberg bei Sondershausen, Burkard von Wartberg, Beringer von Mellingen und der Hesse Gozmar von Ziegenhayn, sie alle erstickten jämmerlich im Inhalt einer seit Jahren ungeräumten Erfurter Abtrittkloake. "Landgraf Ludewig", weiß der Herr Pastor,

Landgraf Ludewig stürzte auch mit hinab, wurde jedoch glücklich gerettet. Der König selbst und der Erzbischof saßen in den Fensterbänken, sie mussten mit Hülfe angelegter Leitern herabgetragen werden.

Von diesem plötzlichen Absturz seiner Mannen, heißt es in der Chronik, sei König Heinrich derart beeindruckt gewesen, dass er umgehend aus Erfurt abgereist sei. Der erzbischöflich-landgräfliche Streit aber ist bis heute ungeschlichtet geblieben.